SC-Merchandising

„Spieltage sind die schönsten Arbeitstage“

Marcel Bieger ist seit sechseinhalb Jahren für das Merchandising des HSV Supporters Club verantwortlich. Im Interview spricht er über fünfstellige Angebote, seine Inspirationsquellen und lange Stunden im Warenlager.

Text Florian Siggelkow ~ Fotos HSV

Alles unter Kontrolle: An Spieltagen arbeitet Marcel vom SC-Stand aus und steht dabei in direktem Kontakt mit den Mitgliedern.

Marcel, hast du ein Rezept für gutes Merchandising?
(überlegt) Puh, das ist eine schwere Frage. Auf die hätte ich mich vorbereiten müssen. (lacht)

Vielleicht anders formuliert: Gibt es etwas, das man versuchen sollte, zu vermeiden?
Man muss sich früh davon trennen, dass einem alle Produkte auch persönlich gefallen müssen. Wir hatten mal ein Shirt mit einer Bierdose im SC-Look. Das war persönlich überhaupt nicht meins, kam aber super an und hat sich hundertfach verkauft. Dann gab es einen Artikel, der mir gefallen hat, wo am Ende die Verkaufszahlen aber nicht gestimmt haben.

Du kommst selbst nicht aus Hamburg. Wie hast du zu Beginn einen Eindruck davon bekommen, was HSV-Fans tragen?
Das war ganz vielfältig. Da ich aus dem Merchandising komme, wusste ich, dass es einige Dinge gibt, die vielleicht auch mit unseren Vereinsfarben funktionieren. Ansonsten bekommt man an Heimspieltagen am SC-Stand ein Gefühl dafür, früher auch noch auf Auswärtsfahrten mit der Botschaft. Außerdem war ich direkt zu meiner Anfangszeit von Kolleg:innen umgeben, die HSVer:innen durch und durch sind und mir ganz viel mitgeben konnten. Durch meine eigene Fußballbegeisterung und mein Modeinteresse, gepaart mit dem Fakt, dass ich unbedingt zum HSV wollte, war auch schon eine gewisse Grundidee vorhanden.

Gibt es auch externe Einflüsse, die dich in deiner Arbeit inspirieren?
Klar, einerseits aus der Fankultur und natürlich andererseits aus der aktuellen Modewelt. Man muss sich dessen bewusst sein, was da draußen generell passiert. Früher war es einfacher, da man unter anderem schauen konnte, was bei beliebten Marken funktioniert. Heutzutage orientieren sich diese Marken viel an der Fußballkultur. Wenn man in die Läden von Modeketten geht, findet man oft eigene Trikots oder Ähnliches. Da gab es von den Einflüssen her schon einen Wandel.

Eine besonders beliebte Artikellinie sind derzeit die Retro-Produkte. Eine der Trackjacken war nicht einmal einen Tag nach dem Verkaufsstart beinahe 300-mal verkauft.

Ich bin ein großer Fan solcher Geschichten. Ich habe nicht nur einen Blick darauf, was vielleicht früher beim HSV getragen wurde, sondern allgemein auf die Streetwear- oder Casual-Szene. Ich glaube, man kann sagen: Die Geschichte ist noch nicht auserzählt. (schmunzelt)

»Ein Artikel muss nicht allen gefallen aber für alle sollte ein Artikel aus dem Sortiment dabei sein.«

Marcel Bieger

Die Mitgliederzahlen des HSV steigen stetig an und damit auch deine Zielgruppe. Inwiefern ist das auch für dich eine Herausforderung?
Eine Regel, die ich habe: Ein Artikel aus dem Sortiment muss nicht allen gefallen, aber für alle sollte ein Artikel aus dem Sortiment dabei sein. Bei mehr als 140.000 Mitgliedern gibt es eine so vielfältige Ansammlung an Geschmäckern. Da kann man gar nicht den einen Volltreffer landen.

Du arbeitest an Heimspieltagen am SC-Stand, verkaufst die von dir gestalteten Artikel. Gibt es auch mal direktes Feedback oder Wünsche der Mitglieder?
Auf jeden Fall! Oft gibt es Wünsche, ob wir nicht auch mal mehr Artikel in Kindergrößen aufsetzen können, oder es gibt auch mal ein paar mürrische Stimmen, wenn beispielsweise der Schnitt sich verändert hat und nicht mehr derselbe wie die letzten dreißig Jahre ist. Oft ist es aber auch andersherum: Gegen Leipzig war ein Mitglied am Stand mit einer total coolen Retro-Jacke, den wollte ich eigentlich nach einem Foto fragen, um die Jacke vielleicht für uns umzusetzen. Das hat dann aber leider nicht mehr geklappt. (lacht)

Gibt es einen Austausch, der dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Es gibt eigentlich jeden Spieltag ganz schöne Momente. (schmunzelt) Was immer wieder für Gesprächsstoff sorgt, ist das Sondertrikot, das wir hier ausgestellt haben. Der höchste Preis, der da mal geboten wurde, waren 10.000 Euro. (lacht) Diese Interaktion gibt es schon recht häufig. Durch die Lautstärke im Stadion gibt es auch viele schöne Momente, in denen man lauthals aneinander vorbeiredet. (lacht)

Wie wichtig ist dir der direkte Austausch für deine Arbeit?
Spieltage sind die schönsten und lehrreichsten Arbeitstage. Man ist wirklich direkt mit der Basis im Austausch, und das macht es auch so wertvoll. Da verschaffe ich mir in der täglichen Arbeit auch einen Vorteil meinen Kolleg:innen gegenüber, die in Anführungszeichen „nur im Büro“ sitzen.

Nehmen wir an, du hast am Stand ein T-Shirt oder eine Jacke gesehen, die dich inspiriert. Wie lange würde es dauern, bis diese Idee als fertiges Produkt vorliegt?
Wenn die Idee gut funktioniert, kann das drei bis vier Monate dauern. Das umfasst dann die grafische Umsetzung bis hin zum Muster. Da muss aber alles glattlaufen. Da ich nicht im Katalogrhythmus arbeite, habe ich die Zeit, die Produkte so abzustimmen, bis sie mir gefallen. Manchmal muss eine Idee nach der ersten Umsetzung direkt verworfen werden, manchmal lohnt es sich aber auch, noch ein paar Schleifen zu drehen. Ich arbeite so lange an jedem Produkt, bis es aus meiner Sicht perfekt ist.

Verkaufen, beraten oder fachsimpeln die Aufgaben am SC-Stand sind an Spieltagen vielfältig.

In Hamburg sagt man „Tschüss“. Nach dem Interview ging es für Marcel direkt in den Spieltagsmodus.

Seit etwas mehr als zwei Jahren ist das Merchandising des Supporters Club in das Merchandising der HSV Fußball AG und Co. KGaA integriert. Was hat sich seitdem verändert?
Für die Mitglieder gibt es viele positive Effekte, finde ich. Viele der Artikel sind nun zertifiziert. Das ist nicht nur gut für den Verein, sondern auch für die Mitglieder, die am Ende das bestmögliche Produkt in den Händen halten. Dazu kann man nun beispielsweise ein Trikot und gleichzeitig einen Balkenschal kaufen und spart sich die doppelten Versandkosten. Auch die Auslieferung geht deutlich schneller. Früher haben wir das ja alles persönlich abgewickelt, nun läuft es über ein Logistikunternehmen.

Früher hast du alles selbst gepackt, was im Onlineshop bestellt wurde?
Ich hatte hier im Stadion ein Lager für den Spieltag und für den Onlineshop. Die ersten ein bis zwei Stunden des Tages habe ich damit verbracht, Lieferscheine und Versandscheine auszudrucken und die Bestellungen zu verpacken. Wenn zu Weihnachten beispielsweise richtig viel los war, dann war ich auch mal zwei Tage damit beschäftigt. (lacht)

War das die beste Änderung bei dem Wechsel?
Für mich persönlich: ja. (lacht) Ich habe jetzt einfach mehr Zeit für andere Dinge. Ich kann mehr Zeit ins Design und in Organisatorisches stecken. Das kommt dem Produkt am Ende zugute.

Abschließend: Du hast gesagt, die Spieltage seien die schönsten Tage. Worauf freust du dich da am meisten?
Es ist ja nicht nur ein Fußballspiel, das stattfindet. Da bin ich ja schon ein paar Stunden im Stadion. Es sind die Leute, die zum „Hallo“-Sagen an den Stand kommen oder früher zur Botschaft gekommen sind. Das bedeutet mir sehr viel und hat mir auch früher schon sehr viel bedeutet, wenn Leute gefühlt 1000 Kilometer zu einem Spiel fahren, immer noch vorbeikommen, grüßen und mir nach dem Spiel eine gute Heimreise wünschen. Diese Gemeinschaft beim HSV hat mich direkt beeindruckt und mir sehr gefallen. Natürlich kennt man viele Gesichter, aber man kommt immer wieder neu ins Gespräch, wenn das eine oder andere Mitglied vor dem Spiel einen Schal holt und nach der Partie noch einmal vorbeischaut, um über den Schiedsrichter zu diskutieren. Das ist wirklich klasse und am Ende eines der vielen Dinge, die diesen Job besonders machen.