Morten Armbrecht (links) im Gespräch mit HSV-Kapitän Nicolai Remberg.
Bühne von Fans für Fans:
Die Geschichte des Volksparketts
Seit fast 20 Jahren bringt das Volksparkett Menschen, Geschichten und Emotionen zusammen – und steht nun vor einem ganz besonderen Jubiläum.
Die Wurzeln des Volksparketts reichen zurück in die Zeit vor der Weltmeisterschaft 2006: Rund um das Turnier entstanden zahlreiche Kulturangebote, welche die Vorfreude auf die WM und die Begeisterung für den Fußball aufgriffen. Auch beim HSV gab es bereits Berührungspunkte zwischen Fanszene und Kultur.
Eine wichtige Rolle spielte dabei das Theaterprojekt „Hinter euren Zäunen“, das sich mit der HSV-Fanszene beschäftigte und das Leben von aktiven Fußballfans beleuchtete. Das Projekt des Thalia Theaters war 2005 in der Gaußstraße auf der Bühne zu sehen – unter anderem mit HSV-Legende Hermann Rieger.
Auch der Regisseur des Theaterprojekts beschäftigte sich intensiv mit der Frage, was Fußball eigentlich ausmacht. Seine Erkenntnis: Die Energie, die Begeisterung und die Emotionen, die hinter dem Fußball stecken, müssten kulturell ins Stadion gebracht werden.
Aus diesem Gedanken entwickelte sich als gemeinschaftliches Werk von HSV-Fanprojekt, HSV Supporters Club und weiteren engagierten HSV-Fans schließlich die Idee einer offenen Bühne nach dem Vorbild der Speakers’ Corner im Londoner Hyde Park: eine Bühne von Fans für Fans.
Und das war dabei von Anfang an mehr als nur ein Motto: Das Volksparkett sollte ein Ort sein, an dem unterschiedliche Menschen und Perspektiven zusammenkommen. Fans sollten selbst Themen setzen, diskutieren und Gäste auf die Bühne holen können. „Das Volksparkett war immer bunt und offen für alle Leute, die sich für den HSV interessieren“, sagt Morten Armbrecht, der von Beginn an dabei war und auch heute noch beim Volksparkett mitmischt – sei es beim Aufbau, als Moderator oder an der Technik aktiv.
Sven Freese begleitet das Volksparkett von Beginn an.
Der Start erfolgte 2007 mitten in der Saison. Zu Beginn war das Konzept deutlich umfangreicher als heute: Das Volksparkett fand vor dem Spiel, in der Halbzeit und nach dem Spiel statt. Mit der Zeit entwickelte sich daraus der heute bekannte Ablauf mit einem rund einstündigen Programm vor dem Anpfiff.
„Wir haben damals echte Pionierarbeit geleistet“, erinnert sich Sven Freese, der als damaliger Fanbeauftragter etwa Spieler als Gäste organisierte. Teil dieser Pionierarbeit war auch die Technik: Die Anlage wurde anfangs gemietet, später schaffte man eigenes Equipment an. Für den Ton sorgte zu Beginn unter anderem der Techniker der Band Abschlach!.
Heute ist Freese dem Volksparkett als Abteilungsleiter des Supporters Clubs noch immer verbunden und schätzt nach wie vor den Geist der Gespräche auf der Bühne: „In diesem Format wird auf Augenhöhe miteinander gesprochen. Wie respektvoll miteinander umgegangen wird – das ist der HSV.“
Die Themen und Gäste sind nicht auf einen bestimmten Teil der Fanszene beschränkt. Auf der Bühne treffen Vertretende der Fanszene auf Musiker:innen, Journalist:innen, Spieler:innen, Vereinsverantwortliche und Persönlichkeiten aus dem Fußball.
Toni Schumacher (links) auf dem Volksparkett – damit ging für Morten Armbrecht (nicht im Bild) ein Kindheitstraum in Erfüllung.
Auch Vereinslegende Hermann Rieger besuchte das Volksparkett.
Der absolute Highlight-Gast? „Wahrscheinlich würde da jeder Uli Hoeneß nennen“, sagt Freese. „Da ist das Stadion fast zusammengebrochen, weil so viele auf der Ecke waren. Ich finde es aber auch bemerkenswert, dass Personen aus der aktiven Fanszene des gegnerischen Vereins vorbeikommen.“ Auch Morten Armbrecht schätzt die Gäste-Gäste als besonderen Höhepunkt der Ausgaben; dazu denkt er besonders gern an den Besuch des ehemaligen Nationaltorhüters Toni Schumacher zurück: „Ich mochte ihn schon von klein auf sehr gern und habe mich gefreut wie ein kleines Kind, als er vorbeikam.“
Im Oktober gegen den VfB Stuttgart wird nun die 250. Ausgabe gefeiert. „Besonders beeindruckt mich die Beständigkeit des Volksparketts“, sagt Sven Freese. Bei Borussia Dortmund und Eintracht Frankfurt gibt es ähnliche Formate, die sich am Volksparkett orientieren. „Unfassbar viel wert“ sei es, dass es so viele Ausgaben geworden sind. Denn das Volksparkett ist ein Projekt, das nicht von einer einzelnen Person und nicht von einer einzelnen Generation lebt. Es wurde über Jahre von Ehrenamtlichen getragen und immer wieder weiterentwickelt.
Und vielleicht liegt genau darin die größte Geschichte des Volksparketts: Es ist nie stehen geblieben. Aus einer Idee im Umfeld der WM 2006 wurde eine Institution rund um die HSV-Heimspiele. Die Bühne hat ihre Themen verändert, neue Gäste begrüßt, neue Generationen erlebt und manche Strukturen überdauert. Geblieben ist die Grundidee: eine Bühne von Fans für Fans.