Leichtathletik

Foto: Witters

Owen Ansah:
Vom stillen Talent zum Europameister

Seit seinem Wechsel zum HSV im Jahr 2018 hat sich Owen Ansah vom Nachwuchssprinter zum deutschen Rekordhalter und Europameister entwickelt. Sein Weg dorthin begann in Farmsen-Berne und führte von der Leichtathletik als Hobby über einen entscheidenden Trainerwechsel bis auf die große internationale Bühne.

Text Malte Harke

14. August 2026: Es sind die letzten Meter im EM-Finale über 200 Meter. Owen Ansah läuft im Alexander Stadium in Birmingham aus der Kurve auf die Zielgerade, vor ihm noch drei Läufer. Zur Rennhälfte liegt der gebürtige Hamburger noch auf Rang vier. Doch dann passiert das, was ihn in den vergangenen Jahren immer wieder ausgezeichnet hat: Er zündet den Turbo.

Schritt für Schritt schiebt sich der HSV-Sprinter nach vorn. Die letzten 50 Meter gehören dem 25-Jährigen. Er zieht an der Konkurrenz vorbei, lässt den Briten Zharnel Hughes hinter sich und stürmt als Erster über die Ziellinie.

Der Blick geht zur Anzeigetafel, die ernste Miene weicht einem verschmitzten Lächeln. 19,95 Sekunden leuchten auf. Owen Ansah ist Europameister über 200 Meter. Es ist der vorläufige Höhepunkt einer bemerkenswerten Entwicklung. Einer Entwicklung, die viele Jahre zuvor im Hamburger Nordosten ihren Anfang nahm.

Schon früh schneller als die anderen

Aufgewachsen ist Owen Ansah in Farmsen-Berne. Dass Geschwindigkeit einmal eine besondere Rolle in seinem Leben spielen könnte, war dabei schon früh zu erkennen. Schon in der dritten Klasse war er der Schnellste der gesamten Grundschule. Ganz aus dem Nichts kam dieses Talent allerdings nicht. Sein Vater war in seiner Heimat Ghana selbst Zehnkämpfer und brachte damit eine gewisse Nähe zur Leichtathletik mit.

Ansah probierte zunächst trotzdem vieles aus. Erst in der siebten Klasse, im Alter von 14 Jahren, wurde aus dem schnellen Schüler ein angehender Leichtathlet. Sein Sportlehrer erkannte das Talent und legte ihm nahe, sich einem Verein anzuschließen.

Sein Kindheitsfreund Junior Boateng war bereits in der Leichtathletik aktiv und nahm Ansah 2014 mit zum Training beim Athletik Team Hamburg. Der Jugendliche probierte verschiedene Disziplinen aus, vom Weitsprung über Hochsprung bis zu den Sprintstrecken. Die Entscheidung fiel schließlich auf den Sprint über 100 und 200 Meter.

Sein Vorbild war damals ein Athlet, der für Geschwindigkeit stand wie kaum ein anderer: Usain Bolt. Der Jamaikaner dominierte die Sprintwelt und prägte eine ganze Generation junger Läufer. Auch der junge Ansah schaute zu ihm auf. Noch war allerdings nicht abzusehen, dass der eigene Weg ihn eines Tages selbst auf die großen internationalen Bühnen führen würde.

Eines der ersten Bilder im HSV-Trikot: Der damals 18-jährige Owen Ansah posiert bei einem Fotoshooting.

Foto: Witters

Mit dem deutschen Meistertitel über die 200 Meter sorgt Owen Ansah 2021 erstmals für nationales Aufsehen.

Foto: WItters

Ein stilles Talent beim HSV

Im Januar 2018 wechselte der damals 17-Jährige dann zum HSV. Von Anfang an waren die körperlichen Voraussetzungen für den Sprint vorhanden. Was noch fehlte, war der feste Glaube daran, wohin diese Voraussetzungen führen könnten.

„Owen war damals ein etwas schüchterner, unauffälliger Junge, der immer ein bisschen im Schatten von Lucas (Ansah-Peprah; d. Red.) und Junior (Boateng) stand, die schon als Jugendliche richtig gut waren“, erinnert sich Nils Lillie, Koordinator Leichtathletik Leistungssport beim HSV, der den Sprinter seit dessen Anfangszeit im Verein begleitet. „Er hatte damals schon die körperlichen Voraussetzungen, hat Leichtathletik aber eher als Hobby zum Spaß gemacht, auch weil hier seine Freunde waren.“

Der Unterschied zu heute ist kaum größer vorstellbar. Denn auch wenn die Geschwindigkeit bereits vorhanden war, musste zunächst die sportliche Professionalität wachsen. Einen entscheidenden Anteil daran hatte der ehemalige Weitsprung-Europameister Sebastian Bayer, der 2019 als Trainer an Ansahs Seite trat und ihm eine neue Perspektive auf den Leistungssport eröffnete.

„Mit dem Wechsel zu Sebastian als Trainer hat sich seine Einstellung zum Sport verändert. Er hat es offensichtlich geschafft, Owen aufzuzeigen, dass er es weit bringen kann“, sagt Lillie. Aus dem Hobby wurde immer mehr Leistungssport. Das Training wurde intensiver, Ziele wurden konkreter und aus dem Gefühl, schnell zu sein, entwickelte sich der Anspruch, tatsächlich zu den Besten zu gehören.

An der Seite von Sebastian Bayer füllte Ansah seine Medaillensammlung fleißig auf – wie hier bei den deutschen Meisterschaften 2022.

Foto: WItters

Aus Talent wurde Anspruch

Die Entwicklung zeigte sich schon bald auf der Bahn. Nach ersten Erfolgen in der Jugend folgte 2021 der erste deutsche Meistertitel bei den Erwachsenen über 200 Meter. Damit war endgültig klar, dass aus dem Nachwuchstalent ein ernst zu nehmender Sprinter geworden war.

Der Titel veränderte dabei auch Ansahs eigenes Denken über den Sport. Der Erfolg war nicht das Signal, sich zurückzulehnen, sondern weiterzumachen. Härter zu trainieren. Den eingeschlagenen Plan weiterzuverfolgen. Und dranzubleiben. Im selben Jahr zog der Hamburger nach Mannheim, wo er bis heute lebt und am Bundesstützpunkt der deutschen Leichtathletik im Sprintbereich trainiert.

Auch international öffneten sich nun die Türen. Die Nominierung für die Olympischen Spiele in Tokio 2021 war ein weiterer Schritt auf dem Weg nach oben. Als Ersatzläufer der deutschen 4×100-Meter-Staffel kam er dort zwar noch nicht zum Einsatz, doch bereits ein Jahr später folgte der nächste große Erfolg: Bei den deutschen Meisterschaften in Berlin gewann der inzwischen 21-Jährige sowohl über 100 als auch über 200 Meter Gold. Aus dem stillen Jungen war ein deutscher Spitzensprinter geworden. Doch der Weg zur Weltklasse sollte noch einen Umweg nehmen.

Der Rückschlag vor dem großen Durchbruch

2023 kam der nächste Schritt zunächst abrupt zum Stillstand. Im Trainingslager in den USA zog sich der Hamburger ein Ödem am Schambein zu und musste die Saison vorzeitig beenden. Aus dem Trainingsalltag wurden Arztbesuche und Reha, aus Wettkämpfen eine lange Wartezeit. Als wäre das nicht schon schwierig genug gewesen, folgte während der Reha auch noch ein Ermüdungsbruch im Fuß.

Es war eine schwere Phase für den jungen Sprinter. Mehr als ein Jahr lang konnte er nicht richtig trainieren. Für jemanden, dessen Karriere bis dahin stetig nach oben gezeigt hatte, bedeutete das einen kompletten Perspektivwechsel. Geduld war gefragt – und die Fähigkeit, an einem Ziel festzuhalten, auch wenn der Weg dorthin plötzlich deutlich länger wurde.

Im Mai 2024 war es schließlich so weit: Ansah kehrte nach über einem Jahr Pause auf die Wettkampfbühne zurück. 10,11 Sekunden über 100 Meter waren seine bis dahin drittschnellste Zeit und vor allem ein wichtiges Signal: Die lange Leidenszeit war vorbei, Owen Ansah war wieder da. Was folgte, hätte sich nur schwer vorhersehen lassen.

»Abseits der Tartanbahn ist er immer noch eher ein Mann der leisen Töne.«

Nils Lillie,
Koordinator Leichtathletik Leistungssport beim HSV

EM-Bronze mit der Staffel: 2024 gelingt der erste größere internationale Erfolg.

Foto: Chai von der Laage

9,99 Sekunden, die alles veränderten

Nur wenige Wochen nach seinem Comeback stand der Hamburger am 29. Juni 2024 bei den deutschen Meisterschaften in Braunschweig im Finale über 100 Meter an der Startlinie. Es ging um den Titel – und um die Zehn-Sekunden-Marke, an der sich deutsche Sprinter seit Jahrzehnten die Zähne ausgebissen hatten.

Dann stoppte die Uhr bei 9,99 Sekunden. Ansah schreibt nationale Leichtathletikgeschichte. Der erste deutsche Sprinter unter zehn Sekunden – ausgerechnet nach einer mehr als einjährigen Verletzungspause. Der 29. Juni wird zu einem der prägendsten Tage seiner bisherigen Karriere. Aus dem Comeback ist ein historischer Moment geworden.

Doch der Hamburger beließ es nicht bei diesem einen Höhepunkt. Bei der Europameisterschaft in Rom gewann er mit der deutschen 4×100-Meter-Staffel Bronze und wurde über 100 Meter Fünfter. Kurz darauf nahm er auch an den Olympischen Spielen in Paris im Einzel und mit der Staffel teil. Der HSV-Sprinter war endgültig auf der großen internationalen Bühne angekommen. Doch der Rekord sollte für den nun 23-Jährigen kein Endpunkt sein. Vielmehr wurde er zum neuen Ausgangspunkt für alles, was noch kommen sollte.

Wenn 9,99 Sekunden plötzlich nicht mehr reichen

Auch 2025 blieb der Hamburger auf der Jagd nach Bestzeiten und Erfolgen. Er verteidigte seinen deutschen Meistertitel über 100 Meter und erreichte mit der Staffel bei der Weltmeisterschaft in Tokio den fünften Platz. Die Entwicklung setzte sich fort, doch 2026 sollte sie noch einmal eine neue Dimension erreichen.

Bereits zu Saisonbeginn zeigte der Sprinter, dass mit ihm zu rechnen ist. Über 60 Meter gewann er erstmals den deutschen Meistertitel in der Halle. Anfang Juni wurde es dann erneut historisch: In Regensburg lief der Hamburger 9,98 Sekunden über 100 Meter und verbesserte damit seinen eigenen deutschen Rekord. Zwei Jahre nach seinen 9,99 Sekunden lief er wieder unter zehn Sekunden – diesmal nicht als Sensation, sondern als Beleg dafür, dass er sich dauerhaft auf diesem Niveau etabliert hatte.

Bei den deutschen Meisterschaften in Wattenscheid bestätigte der HSV-Sprinter seine Form. Über 100 Meter verteidigte er seinen Titel in 10,00 Sekunden zum dritten Mal in Folge, am nächsten Tag gewann er auch über 200 Meter – in persönlicher Bestzeit von 20,13 Sekunden.

Die Frage war nun nicht mehr, ob Ansah schnell genug für die internationale Spitze war. Er war längst dort angekommen. Die Frage lautete: Wie weit vorn kann er bei einem großen internationalen Rennen landen? Die Antwort darauf lieferte er wenige Wochen später in Birmingham.

Mittlerweile misst sich Owen Ansah mit den Besten der Welt – wie hier Seite an Seite mit Sprint-Superstar Noah Lyles.

Foto: Witters

Zwei Starts, zwei Medaillen

Bei der Europameisterschaft in Großbritannien erwischte Ansah über 100 Meter zunächst keinen perfekten Start. Doch wie schon so oft in seiner Karriere bewies er hinten raus seine Stärke, arbeitete sich noch auf Rang drei vor und gewann Bronze – seine erste Einzelmedaille bei einer Europameisterschaft. Damit war der erste große Traum erfüllt, doch der 25-Jährige wollte mehr.

Über 200 Meter wartete im Finale unter anderem Lokalmatador Zharnel Hughes, der vor heimischem Publikum als einer der Favoriten ins Rennen ging. Ansah wusste, dass er seine Chance bekommen würde. Und dann sind da diese letzten 50 Meter: Der Hamburger lag zurück, blieb aber ruhig, fand seinen Rhythmus und begann, Meter für Meter gutzumachen. Hughes kämpfte vor der voll besetzten Tribüne um den Sieg, doch Ansah kam näher und näher. Schließlich schob sich der HSV-Sprinter am Briten vorbei und stürmte nach 19,95 Sekunden ins Ziel. Gold. Europameister.

Die Zeit hätte sogar einen neuen deutschen Rekord bedeutet, doch wegen des Rückenwinds von 2,5 Metern pro Sekunde konnte sie nicht als offizielle Bestzeit anerkannt werden. An der Bedeutung des Rennens ändert das nichts: Vierzig Jahre nach Jürgen Evers gewinnt wieder ein deutscher Sprinter eine EM-Medaille über 200 Meter – diesmal ist es Gold.

Ein deutscher Rekord über 100 Meter, deutsche Meistertitel über 60, 100 und 200 Meter, EM-Bronze über 100 Meter und schließlich der Europameistertitel über die halbe Stadionrunde: Die Zahlen erzählen eine beeindruckende Erfolgsgeschichte. Doch sie erzählen nicht die ganze Geschichte.

„Es ist ganz klar die Einstellung“

Denn hinter all den Zeiten und Titeln steht vor allem eine Veränderung, die sich nicht in Sekunden messen lässt. „Wenn du Owen von 2018 mit dem Owen von heute vergleichst, ist es ganz klar die Einstellung, die sich mit jeder neuen Bestleistung immer mehr in Richtung professioneller Leistungssport verschoben hat“, sagt Nils Lillie.

Aus dem Jungen, der die Leichtathletik zunächst vor allem wegen seiner Freunde betrieb, ist ein Athlet geworden, der sich mit den Besten der Welt misst. Und trotzdem scheint sich an seinem Wesen wenig verändert zu haben. „Abseits der Tartanbahn ist er immer noch eher ein Mann der leisen Töne“, beschreibt Lillie den 25-Jährigen. „Er macht sich nicht viel daraus, berühmt zu sein, obgleich er seinen Erfolg genießt, aber eher im Stillen für sich beziehungsweise mit seinen engsten Vertrauten.“

Vielleicht passt genau das zu diesem Weg. Denn Owen Ansah war nie derjenige, der am lautesten auf sich aufmerksam machte. Schon als Kind wusste er, dass er schnell war. Heute weiß er, was er daraus machen kann. Er lebt mittlerweile in Mannheim, trainiert am Bundesstützpunkt und steht als Vater eines Sohnes längst nicht mehr nur für sich selbst auf der Bahn. Die leisen Töne sind geblieben, die Ansprüche sind andere geworden.

Auch an diesem historischen Abend in Birmingham. Der Jubel im Alexander Stadium ist längst laut geworden. Auf der Anzeigetafel stehen 19,95 Sekunden. Der 25-Jährige blickt hinauf, die ernste Miene weicht einem verschmitzten Lächeln. Vor wenigen Sekunden lag er noch zurück, jetzt ist er Europameister. Und wieder einmal waren es die letzten Meter, die den Unterschied machten.

Nils Lillie begleitet Owen Ansah bereits seit 2018.

Foto: Witters