VEREIN

Vorstand Fußball AG

Interview: Jan Walter Möller

Der neue alte Anführer

In guter Tradition lädt die supporters news den neuen Kapitän auf der Brücke unseres Vereins zu einem Antrittsinterview. Wir freuen uns daher auf ein Frage-und-Antwort-Spiel mit Bernd Hoffmann.

Foto: Witters

Hallo, Bernd! Deine erste Amtszeit bei uns endete abrupt im Jahr 2011. Hast du damals und in den folgenden Jahren gespürt, dass deine Mission noch nicht beendet ist und etwas Unvollständiges zurückgelassen wurde?

Wer einmal mit dem HSV-Virus infiziert wurde, bleibt diesem Verein auch ohne Amt ein Leben lang treu. Das gilt für jeden, ob Fan, Spieler oder Offizieller. Bei mir war die Verbindung immer intensiv, und als sich die Möglichkeit bot, wieder als Verantwortlicher einzusteigen, habe ich nicht gezögert.

Du hattest bei einem Besuch des Tankstellen-Talks 2016 erzählt, dass du und Didi Beiersdorfer im Nachhinein eine Paartherapie gebraucht hätten. Trotz einer sehr erfolgreichen Zeit von 2005 bis 2010 mit der Teilnahme an der Champions League und zwei Europacup-Halbfinals gor es unter der Oberfläche und sorgte dafür, dass ihr beide nicht im Amt bliebt. Warum?

Unser Problem war, dass wir es in dieser von dir beschriebenen Zeit eben nicht geschafft haben, uns noch mehr auf den anderen zuzubewegen. Die Gründe sind vielfältig, und wie in jeder Beziehung gibt es immer Hochs und Tiefs. Leider waren die Gräben später so tief, dass auch die erfolgreichste Zeit der Vereinsgeschichte seit den 80er-Jahren diese nicht mehr füllen konnte.

Nach diesem Blick in die Vergangenheit jetzt mit aktuellem Blick auf die zweite Liga. Wo siehst du die größten Herausforderungen?

Den HSV wieder in ein stabiles sportliches und wirtschaftliches Fahrwasser zu bringen ist das oberste Ziel aller Verantwortlichen. Der Tanker HSV hat, um in der Schifffahrtsprache zu bleiben, noch immer eine massive Schlagseite. Dieses Problem liegt in vielen falschen Entscheidungen aus der Vergangenheit begründet. Wir sind aber guter Dinge, es mit Demut, harter Arbeit und einem guten Team zu lösen. Klar ist dennoch: Die zweite Liga kann nicht unser Anspruch sein.

Der Aufstieg wird kein Selbstläufer sein, das haben wir jetzt nach einem Drittel der Saison schon teilweise schmerzhaft lernen müssen. Was würde ein weiteres Jahr im Unterhaus für uns bedeuten?

Natürlich müssen wir auch Pläne für ein weiteres Jahr in der zweiten Liga vorbereiten. Alles andere wäre mehr als fahrlässig. Der Verbleib in Liga zwei würde zwangsläufig eine weitere Reduzierung der Einnahmen bedeuten, und wir würden auch vom Ansehen mehr als normaler Zweitligist gelten. Die zurzeit beschriebene und erlebte Euphorie trotz des Abstiegs sowie der Zweitligafolklore würde abkühlen, und auch einige Fans würden sich von uns abwenden.

Eine Frage, die alle beschäftigt, die mit unserem Verein verbunden sind: Warum hat sich die Situation in den letzten Jahren so entwickelt, dass wir jetzt zu Recht in der zweiten Liga angekommen sind?

Die ultimative Erklärung hierfür kann ich auch nicht liefern. Fakt ist, dass die sportlichen Platzierungen seit 2010 immer tiefer wurden. Durch mehrere Funktionäre des Vereins wurden viele Fehlentscheidungen getroffen, zum größten Teil im Personalbereich. Ruhe und Kontinuität ist dadurch natürlich schwer in den Verein zu bringen, und das überträgt sich dann eins zu eins auf die Leistung der Mannschaft. Qualität in Vorstand, Aufsichtsrat und Präsidium bedeutet nicht nur Liebe zum Verein, sondern auch absolute Fachkenntnis von der Gesamtmaterie Profifußball.

2014 wurde das Projekt HSV plus ins Leben gerufen. Durch eine Ausgliederung des Profifußballs sollte es in kurzer Zeit wieder nach oben gehen. „Aufstellen für Europa“ war der markante Slogan und sorgte dafür, dass knapp neunzig Prozent der HSV-Mitglieder für die Ausgliederung stimmten. Beobachter sprachen damals von einem Lemmingeverhalten, da eine normale Sachdiskussion aufgrund der überhitzten Gemüter kaum noch geführt werden konnte. Wie beurteilst du die letzten vier Jahre seit Implementierung der HSV Fußball AG?

Der Grundgedanke war damals richtig, aber es wurden wieder durch einzelne Personen zu viele Fehler gemacht. Ein dreistelliger Millionenbetrag wurde ausgegeben, 25 Prozent des Vereinsvermögens wurden verkauft, und dennoch spielen wir jetzt in der zweiten Liga. Diese Zahlen sprechen für sich und müssen nicht kommentiert werden.

Unser größter Geldgeber ist gleichzeitig auch ein sehr großer Fan des HSV. Ist die Beziehung zwischen Klaus-Michael Kühne und dem HSV ein großes Missverständnis oder eine unvollendete Liebe?

Weder noch. Es ist wie in der beschriebenen Partnerschaft mit guten und schlechten Zeiten. Herr Kühne fiebert und leidet unglaublich intensiv mit dem Verein und möchte selbstverständlich den größtmöglichen Erfolg für die Rothosen.

Zudem ist er auch noch einer unserer wichtigsten Partner, welcher in jeglicher Beziehung mitgenommen und abgeholt werden möchte. Bei einem derartigen Investitionsvolumen ist das meines Erachtens total nachvollziehbar. Klar muss aber auch sein, dass alle Entscheidungen den Verein betreffend im Volksparkstadion von den offiziell handelnden Personen getroffen werden.

Ist die 50+1-Regelung im Zuge von größeren und auch astronomischen Summen, welche im Fußball zurzeit aufgerufen werden, dauerhaft haltbar und damit das Modell uninteressant für künftige Sponsoren?

Ich wiederhole mich nochmals: Der Erfolg hängt nicht von der Rechtsform ab, sondern von den handelnden Personen. Sollte die 50+1-Regelung in der Zukunft fallen, wovon ich ausgehe, hängt es immer noch an den Vereinsmitgliedern, wer zu welchem Preis wie viele Anteile erwerben darf.

100 Millionen Euro Verbindlichkeiten sind ein echtes Brett. Da die Einnahmenseite relativ bekannt und gedeckelt ist, muss massiv an der Kostenschraube gedreht werden, wenn die Neuverschuldung nicht noch weiter zunehmen soll. Alternativlos, wie unsere Kanzlerin zu sagen pflegt?

Absolut. Wir haben alle Positionen im Volkspark unter die Lupe genommen und analysiert. Der größte Posten Spielergehälter wurde im Bereich der Fixkosten von 41 auf 17 Millionen Euro zwangsweise heruntergefahren. Auch die übrigen Kosten sind in der überwiegenden Mehrheit reduziert worden. Wir wollen und müssen weiterhin mehr als konservativ arbeiten und rechnen. Anderweitig würden wir uns rechtlichen Gefahren für die handelnden Personen aussetzen, und das liegt natürlich in niemandes Interesse.

Ein permanenter Begleiter bei uns in Hamburg sind Störfeuer aus der Medienlandschaft. In sehr kurzen und regelmäßigen Intervallen werden Gerüchte gestreut, anonyme Insider packen aus, Alt-HSVer äußern Bedenken sowie Unmut und unzufriedene Ex-Angestellte des Vereins bringen sich in Stellung. Problematisch?

Einfacher macht es diese Art der Berichterstattung natürlich nicht für uns, aber wir müssen und können uns mit der komplexen Medienlandschaft in Hamburg arrangieren. Am 34. Spieltag ist dies ohnehin vergessen, dann zählt nur noch der finale Tabellenplatz. Daran werden wir und der Verein gemessen. Das Kriegsgeheul von damals ist dann schon lange verstummt.

Wann würdest du deine Arbeit beim HSV als erledigt ansehen?

Gute Frage! Wenn meine Kinder zu mir sagen: Papa, das habt ihr gut gemacht – und sie dann auf mich und meine Arbeit beim HSV stolz wären.

Zum Abschluss: Was möchtest du den Mitgliedern und allen HSVern mit auf den Weg geben?

Eure Treue, Leidenschaft und Leidensfähigkeit ist unbeschreiblich und findet sich in Deutschland kein zweites Mal. Damit schließe ich alle ein, die den HSV in ihrem Herzen tragen. Es ist teilweise ein Gefühl, das größer als Liebe ist. Wie die Stadt nach dem Abstieg zusammenstand und messbar an den Dauerkarten, Neumitgliedern und dem Zuschauerschnitt hinter den Rothosen steht, ist mit Worten nicht zu beschreiben. Dies ist natürlich für uns als handelnde Personen im Vorstand, im Aufsichtsrat und im sportlichen Bereich zum einen ein unglaublicher Rückhalt, zum anderen aber auch eine sehr große Verpflichtung, diese Ansprüche zu erfüllen. Dafür sind wir sehr dankbar und wir arbeiten hart daran, dass unser Saisonziel, der direkte Wiederaufstieg, erfolgt.

Bernd, vielen Dank für das Interview. |